Tofana, Tre Cime & Travenzanes: Dolomiten 2019

 

Es gibt Tage, da kitzelt es von innen an der Schädeldecke, als hätte das Universum gerade ein Witz erzählt; Tage, an denen das Laub im Straßengraben raschelt, ohne das ein Lüftchen weht, Tage, an denen eine Fremder, dem man auf der Straße begegnet, einem lange in die Augen schaut, als würde man sich schon lange kennen, und dann doch weitergeht —
An solchen Tagen weiß ich, dass die Geschichten zu mir kommen, wie Wasser, das ins Tal fließt.

“Travenanzes!” wisperte die Landkarte am Sonntag und die Höhenlinien wackeln erwartungsvoll, und da ist es, dieses Atomknistern, dieses Rascheln zwischen den Augenlidern: es ist ein Name wie eine Einladung an all diejenigen, die das Erwartbare zum Frühstück essen und sich schon auf Nachtisch freuen.
Der Morgen ist eisig kalt, als wir zum Tal aufbrechen, und wir tragen unsere Atemluft vor uns her wie Sprechblasen. Der Wald trägt noch seine Abendgarderobe, das Diamantencollier aus tausend Tauperlen locker über die Grasmatte gelegt. Die Sonne spricht ihre Komplimente aus, und wir gehen still durch den menschenleeren Wald, Kurve um Kurve den Berg hinauf.

Hinter einer Kurve, vielleicht der fünften, da beginnt es; der Realität wird langweilig und sie reckt und streckt sich wie eine Katze in der Sonne und nimmt doch eine andere Form an; warum nicht die eines alten, hageren Fuchses, der hinter der nächsten Kurve steht und uns mit gelben Augen mustert, ohne sich zu regen und geduldig wartet, bis wir seine Frage verstehen:

Losungswort?

Wortlos stehen wir uns gegenüber, der Fuchs und wir, bis er sich umwendet und im leichten Trott dem Weg bergauf folgt und hinter der nächsten Kurve verschwindet, als wär’ er nur ein Gedanke von uns gewesen, und wir lachen: ja, klar, ein Fuchs, natürlich.

Hinter der nächsten Kurve wartet er geduldig auf uns, trottet weiter, schaut sich um, Losungswort?, wir folgen, jetzt ohne zu lachen, weiter und weiter den Berg hinauf. Kurve, Fuchs, Blick, Frage, doch von uns kommt nur schweres Atmen, denn ein Fuchstrott ist für die Natur gemacht, aber unsere schweren Wanderschuhe und müden Menschenfüße nicht. Hinauf, hinauf geht es, die rote Lunte schwingt hin und her im Takt, hinauf hinauf, bis er hinter einer Kurve im Wald verschwindet, und ein letztes Mal zu uns hinüberschaut, die buttergelben Augen zu Schlitzen verengt.

Losungswort?

Bevor wir antworten können, ist er im Wald verschwunden, und so bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter dem Menschenpfad zu folgen. Vielleicht hätten wir es ahnen sollen, doch unsere Gedanken waren immer noch bei den buttergelben Augen — ja, hinter der nächstes Kurve wartet es endlich auf uns, das Losungswort, dort, wo der breite Weg sich träge weiterwindet und in der Kehre ein kleiner Pfad entspringt, der durch tiefen Wald führt, weit weit in ein einsames, verlassenes Tal, umringt von hohen Bergen und an den Rändern angenagt von Gletscherzungen und Falkenzähnen; ja, an dieser Kreuzung steht das Losungswort auf einem Wegweiser aus Holz, in roten Lettern, für Menschenaugen gemacht, und wir rufen es dem Fuchs hinterher, der uns ja doch nicht mehr hört:

Travenanzes!

Und vor uns öffnet sich das Tal.

 

Via ferrata Ra Gusela – Nuvolau 2547 m. 7.10 km, 505 hm, 4.19 h.

Via ferrata Ettore Bovero – Col Rosa 2166 m. 11.60 km, 893 hm, 6.31 h.

Via ferrata Cascate di Fannes. 13.48 km, 573 hm, 5.42 h.

Croda da Lago Umrundung. 15.00 km, 924 hm, 6.18 h.

Knappenfusstal – Dürrensteinhütte. 15.27 km, 744 hm, 4.44 h.

Val Travenzanes Durchquerung. 22.67 km, 1109 hm, 9.13 h.

Rifugio Auronzo – Innerkoflersteig – Paternkofel 2744m – Schartenweg – Büllelejoch – Retour. 17.05 km, 854 hm, 8.14 h.

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