DAV Wanderleiterausbildung – Haus Spitzingsee

 

Herbst 1998, auf dem Gipfel der Bahratalwand: die Kamera balanciert auf dem Kopf eines kleines Steinmännchens, welches ein Kletterer auf dem weitläufigen Gipfel des Felsens hinterlassen hat. Selbstauslöser, 10 Sekunden, ein stolzes Lächeln, und dann folgt der Eintrag ins Gipfelbuch. Opa, Kletterfreund Erwin und ich haben die Westkante erklettert, Schwierigkeit V mit Sternchen. Es war ein ganz normales Wochenende, schließlich ist Opa mit uns fast jeden Tag in den Bergen gewesen, aber dieser Moment war etwas besonderes: ich habe den Route ganz ohne Hilfe geschafft, wird Opa später in mein Gipfellogbuch notieren. Erwin, unser Vorsteiger, hatzur Feier des Tages sogar Sitzkissen mit auf den Gipfel gebracht; auf dem Rückweg zum Auto wird er mir wieder spannende Geschichten erzählen, damit die kindliche Wanderlust nicht Abhanden kommt.

Erwin, Opa: Mission erfüllt.

20 Jahre später, mein Opa hätte heute Geburtstag gehabt, sitze ich im Zug in Richtung Bayrische Alpen. Ich bin bereit für ein neues altes Abenteuer – ich möchte mich vom Deutschen Alpenverein zur Wanderleiterin ausbilden und prüfen lassen. Eine Woche Bergtouren und theoretische Inhalte – Wetterkunde, Orientierung, Ökologie, Erste Hilfe, Frühungstechniken – und am Ende zwei Prüfungen stehen für uns auf der Agenda. Die Gruppe ist ein bunter Haufen  Bergverrückter im Alter von 29 bis 67 Jahren; Auf der Terrasse der DAV-Hütte Spitzingsee wird gepaukt, gelacht und von Traumtouren geschwärmt. Es gibt kein WLAN und keinen Fernseher, dafür bestes Hüttenessen, nach den Touren ein Bad im See und einen Getränkeautomat Anno 1980. Abends planen wir in unserer Wandergruppe die Tour für den nächsten Tag: alle Tische sind mit Karten und Planzeigern bedeckt, Taschenrechner laufen auf Hochtouren, Wetterapps werden gecheckt, Entfernungen gemessen. 7 Stunden Laufzeit? Mal sehen – Oh oh – Kommt hin – Los geht’s!

 

Karte-Gelände-Vergleich, arbeiten mit dem Kompass, vorwärts einschneiden und Marschzahlen bestimmen: hinter jeder Wegbiegung gibt es etwas neues zu sehen, zu lernen und zu bestimmen. Sich auch im unmarkierten oder weglosen Gelände orientieren zu können ist freilich eines der Hauptaufgaben einer Wanderleiter*in, und Ausbilder Edu sorgt dafür, dass wir im Laufe der Woche lernen, uns mit der Genauigkeit einer Grashalmspitze auf der Karte unsere Position bestimmen können. Eine Höhenlinie sagt mehr als tausend Worte, tausend Meter sind in der Karte 4 cm, und wie war doch gleich die Äquidistanz?

Der Erlebniswert einer Tour, so lernen wir, hängt nicht nur von Wetter und Aussicht ab, sondern auch von den Begegnungen unterwegs, mit Murmeltier, Gams oder Zeitzeugen, die vom Leben in den Bergen und der Kulturlandschaft Alpen erzählen können. Wie diese beiden, die ausziehen, um die Weidezäune neu zu bepflocken, Kilometer für Kilometer. Nach einem kurzen Plausch ziehen alle weiter, sie bergauf, wir nach einem langen Tourentag bergab.

Mit Ausbilder Flo stehen besonders Flora und Fauna im Mittelpunkt der Lehreinheiten. Frauenmantel, Eisenhut, Fettkraut & Co. begleiten uns die ganze Wanderung über. Fichte oder Tanne? Tannenhäher oder Dohle? Saurer oder basischer Felsboden? Wir halten Hände über Ameisenhaufen und kosten die Blüte des Brillenschötchens, die wie Kohlrabi schmeckt, entdecken versteinerte Korallen im Fels und ernten wilden Schnittlauch auf der, na, Schnittlauchmossalm.

Wir können unser Glück kaum fassen, als wir auf dem Rückweg nicht nur eine wilde Frauenschuhorchidee entdecken, sondern auch noch einen Alpensalamander vor einem nahenden Traktor retten können. Ein Urzeitamphib in den Händen von GoreTex-behüteten Neuzeitwanderern: eine Begegnung der ganz besonderen Art.

Am nächsten Tag erwartet uns der unmarkierte Nordgrat auf die Rotwand, ein Weg, der sonst eher von Gämsen und Schafen und heute auch von uns begangen wird.

Zweifelsohne der Höhepunkt des gemeinsamen Wanderns, wenn man vom Gipfel mal absieht: die gemeinsame Jause. So schön habe ich selbst aber bisher nur selten gejaust, was für eine Freude!

 

Eine Woche wie diese ist kaum in Worte zu fassen: die wundervolle Zeit mit der DAV-Gruppe Zauberlehrlinge steht dem ungefilterten, bereichernden Naturerlebnis in nichts nach. Liebe Zauberlehrlinge: habt Dank für euren Witz, eure Gemeinschaft, euer Bayrisch, euer Hessisch, euer Pfälzerisch und Fränkisch, für gemeinsame Schnittlauchbrotjausen, überbordernden Limokonsum, Sonnenbrände, Lachmuskelkater, und vielen Dank an Flo und Edu für euer Wissen und eure Begeisterung für das, was uns alle früh am morgen vom Frühstücksbufett aufstehen lässt: die Liebe zu den Bergen. Prüfung bestanden, aufstehen, los!

 

 

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