Dark Room Yarn Workshop – Ein Rückblick

Ach, Schmilka:

Ein winziges Dorf in der hintersten Ecke der sächsischen Schweiz. Die tschechische Grenze ist nur einen Steinwurf entfernt, aus den Wasserhähnen kommt belebtes Energiewasser (“Da müssense schun dran gloobn”), alle “o”s und “e”s, die hier ausgesprochen werden, sind so lang und weich wie die Elbwiesen vor dem sommerlichen Mähgang. In Schmilka gibt’s kein Internet, aber dafür Felsen, wagenrandgroßen Kuchen und so viel Stille, dass einem die Ohren klingeln. Gegenüber im Tal rasselt pro Stunde ein Güterzug vorbei, ansonsten beschränkt sich alles auf Vogelzwitschern, Bachrauschen und dem Trott von Wanderschuhen auf Kopfsteinpflaster. Schmilka also.

Fotos: Franzi SchädelFoto: Marie-Luise Schmidt

 

Wenn an einem kühlen Frühlingswochenende im März 12 Fotografen und Fotografinnen und eine Schriftstellerin plötzlich die Bevölkerung von Schmilka verdoppeln, bleibt das nicht unbemerkt: im wunderschönen, gemütlichen Hotel zur Mühle werden hektisch die Betten aufgeschlagen, und der Kellner im Restaurant steht vor der Herausforderung seines Lebens: uns. 4000 Gäste erwarten sie in Schmilka am nächsten Osterwochenende, und er weiß nicht, wer mehr Arbeit machen wird – wir oder die. Sagt’s und zwinkert und putzt weiter die Weingläser hinterm Tresen.
Ja, Arbeit ist das schon alles: wir haben uns getroffen, um gemeinsam dem Buzzword der Fotobranche, dem “Storytelling” auf den Grund zu gehen, ohne Buzz, aber mit Substanz. Simone lädt uns ein, die schönen Pfade und Aussichtspunkte der Erzähltheorie abzuwandern, und sofort stehen wir vor den Kernfragen: Was sind Geschichten? Warum brauchen wir sie? Und: sind wir tatsächlich geborene Erzähler, wie hier kühn behauptet wird?

 

Foto: Marie-Luise SchmidtFoto: Till GläserFoto: Franzi Schädel

 

Zumindest diese Frage lässt sich leicht beantworten, nachdem die erste Schreib- und Lockerungsübung vorbei ist und wir als Workshopleiterinnen unsere Kinnlade vom Fussboden aufsammeln müssen: Ja, vor uns sitzen geborene Erzähler. Inspiriert von skurrilen, zufällig ausgewählten Vintage-Fotos haben alle TeilnehmerInnen einen kurzen Text, eine Dialogzeile, ein Stimmungsfragment geschrieben und die Ergebnisse bringen beim Vorlesen alle zum Schwelgen, zum Lachen, zum leisen Lächeln, wenn eine Erinnerung heraufbeschworen wird. So viel Geschichten stecken in uns, und die Freude am Erzählen ist riesig. Wie transportieren wir das nun weiter ins visuelle Erzählen – in die Fotografie? Das wird die nächste Frage sein, und nun muss ich wohl an die Arbeit. Naja, Arbeit …

 

Foto: Till Gläser Foto: Franzi Schädel

Fotos: Paul GlaserFoto: Petra Leitte

 

Tief stürzen wir uns in die Materie, erkunden, wie wir Elemente des schriftlichen oder mündlichen Erzählens in die Fotografie transportieren können, und machen uns bewusst, was es heißt, ein Erzähler zu sein: Ort und Zeit und Mensch und Tier und Wetter und Brüche und Harmonie in eine Abfolge zu bringen, Widersprüche zu suchen, visuelle Anker zu finden; generell: auf Achse zu sein. Nicht erwarten, dass die Geschichte zu einem kommt, sondern selbst aktiv die Geschichte suchen und finden. Be the Troubadour!

Der Sonntag hält nach Frühstück und Textarbeit den Moment der Wahrheit bereit: können wir uns vor einer Kamera so öffnen, dass Bilder entstehen, die eine ehrliche Seite von uns zeigen? Können wir als FotografInnen unsere eigene Sicht beiseite schieben und darauf hören, was der Mensch vor der Kamera zu erzählen hat? Und: können wir dadurch Bilder schaffen, die uns mehr sagen als: awesome, love, amazing?

Die Sonne scheint auf Mützen, Gesichter, Augenlider, als alle schließlich zum Fotografieren aufbrechen. Alle in eine andere Himmelsrichtung, zum Fluss, zur Grenze, in die Berge – und aus allen Himmelsrichtungen ertönt Stimmengemurmel. In langen Gesprächen wird tief geforscht, das Gemeinsame und die Unterschiede ausgelotet. Und fotografiert.

Simone und ich haben den Dark Room Yarn Workshop ins Leben gerufen, um das erzählerische Potential, was in uns als FotografInnen steckt, zu unterstreichen und herauszukitzeln. Und wie das so ist bei Erstauflagen wussten auch wir vorher nicht, ob uns das gelingen würde. Als wir schließlich alle gemeinsam die Portraits anschauen, die alle TeilnehmerInnen voneinander gemacht haben, und die Geschichten dahinter, die Gedanken dazu, die Emotionen in den Gesichtern sehen, wird uns klar: was hätte bei diesen Menschen schon schiefgehen sollen? Voller Vertrauen, Offenheit und Humor sind in diesen Sonntagsstunden Bilder entstanden, deren Bedeutung über das Sichtbare weit hinausgeht. Wir möchten die Bilder hier ohne Worte wirken lassen – wenn ihr einem oder einer der Abgebildeten begegnet, fragt nach ihrer Geschichte.

 

Foto: Petra LeitteFoto: Marie-Luise Schmidt

Fotos: Yannick Zurflüh

Foto: Stella Costa Foto: Patricia HaasFoto: Paul GlaserFotos: Sandra Westermann

Foto: Tim PaletzkiFoto: Susann StädterFoto: Franzi SchädelFoto: Till GläserFoto: Patricia Haas

 

Alles, die uns auf diesen Workshop begleitet und uns ihr Vertrauen geschenkt haben, möchten wir von Herzen danken. Was für eine Freude, euch kennengelernt, wiedergesehen und mit euch gelacht und geschrieben und gesponnen und droniert und gefrühstückt zu haben!

Viele Grüße auch von Ronny & Stefan,

euer DRYecks-Team Simone & Juliana

 

Foto & Drohnierung: Tim PaletzkiFoto: Patricia HaasFoto: Till GläserFotos: Paul Glaser

Foto: Marie-Luise SchmidtFoto: Sandra Westermann

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